Wandern in Neuseeland – Tongariro Alpine Crossing

Wir wissen nicht genau, wie viele Kilometer wir auf Neuseelands Wanderwegen zurückgelegt haben, aber es waren auf jeden Fall hunderte. Ein besonderes Erlebnis dabei war das „Tongariro Alpine Crossing“, das nicht umsonst als eine der schönsten Tageswanderungen der Welt gilt.

Ursprünglich hatten wir geplant im Tongariro Nationalpark einen der „Great Walks“ zu absolvieren (Neuseelands neun beliebteste Mehrtageswanderungen)  und buchten schon einige Monate im Voraus die begehrten Schlafplätze für die drei Hütten entlang des Trails. Am Tag unserer Ankunft im Nationalpark – und dem Tag vor dem Start unserer Wanderung – verfolgen wir mit Hochspannung die Wettervorhersage der nächsten vier Tage:

Tag 1 – nur Regen, Tag 2 – sonnig, Tag 3 und 4 – Apokalypse!

Wir stapfen sofort ins Visitorcenter, wo die erste Mitarbeiterin mit ihrer Auskunft nicht gerade zur Beruhigung beiträgt: „Am ersten Tag muss man einige knietiefe Flüsse durchqueren, diese können aber bei Regen schnell zu reißenden Strömen werden und sind dann unpassierbar.“ Auf unsere Frage, was wir tun sollen wenn wir zwischen zwei Flüssen gefangen sind, meint sie nur: „Das sollte besser nicht passieren“. Großartig! Wir sind uns mittlerweile ziemlich sicher, dass wir uns das keine vier Tage antun wollen. Schließlich kommt uns die geniale Idee mit dem Auto zur ersten Hütte zu fahren, dort zu übernachten und am nächsten Tag – statt dem „Great Walk“ – das „Tongariro Alpine Crossing“ zu wandern. Da für diesen Tag auch noch mit dem besten Wetter zu rechnen ist, trifft sich das ganz gut. Bei der nächsten Mitarbeiterin schaffen wir es sogar noch  die zwei anderen Übernachtungen zu stornieren und bekommen unser gesamtes Geld zurück!

Am nächsten Nachmittag fahren wir also mit dem Auto zum Parkplatz der Mangatepopo Hütte. Von hier aus gehen wir etwa 45 Minuten zu unserer rustikalen Unterkunft. Die Hütte ist einfach gehalten, es gibt zwei Schlafzimmer mit Stockbetten für etwa 16 Personen. In der Mitte der Hütte ist ein großer Raum mit einem Ofen, zwei Ecktischen und einer Küchenzeile mit einer Wasserpumpe und ein paar Gaskochplatten. Über dem Ofen hängt das klatschnasse Gewand der tapferen Wanderer, die dem Regen getrotzt haben und zu Fuß gegangen sind. Bei dem Anblick sind wir umso glücklicher über unsere Entscheidung die Flussdurchquerungen ausgelassen zu haben. Nachdem wir eine Riesenladung Reis mit Linsen kochen und verschlingen, kommen wir mit einer netten Familie aus Deutschland ins Gespräch. Die beiden Eltern schwärmen so sehr von ihren Wanderreisen nach Israel, dass wir beschließen unsere geplante Reise nach Israel und Jordanien möglichst bald umzusetzen. Nach einem Abend mit netten Gesprächen und Gesellschaftsspielen geht es zeitig ins Bett, schließlich haben alle am nächsten Tag viel vor.

Noch vor dem Schlafengehen erklärt uns der Hütten-Ranger die besondere Bedeutung dieses Ortes für die neuseeländischen Ureinwohner. Die Maori sehen die Berge als große Krieger und Götter, deren Liebesgeschichte zum Teil die Entstehung der Nordinsel Neuseelands erklärt:

Einst standen sieben Berge am südlichen Ufer des Lake Taupo. Einer von ihnen war die Frau Pihanga, eine atemberaubende Schönheit. Die anderen Berge verliebten sich in Pihanga und beschlossen eines Nachts um ihre Gunst zu kämpfen. Tongariro konnte sich im Kampf behaupten, obwohl im Kampf sein Kopf abgschlagen wurde und im Rotoaira See landete, wo er heute eine kleine Insel bildet. Er darf seither an Pihangas Seite stehen, doch die anderen Berge mussten  fort und hatten durch einen Zauber für eine Nacht die Möglichkeit sich von dem glücklichen Paar zu entfernen. Ngauruhoe und Tauhara gingen in den Süden, Putauaki und Tauhara gingen in den Osten, wobei Tauhara aus Wehmut so oft zurückblicken musste, dass er nur wenige Kilometer weit kam. Taranaki ging alleine, weinend in den Westen, seine Tränen bilden den heutigen Whanganui Fluss.

Am nächsten Morgen sind wir die ersten Leute auf den Beinen, ziehen uns an und gehen auch gleich los, wir wollen schließlich vor dem großen Ansturm unterwegs sein.

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Jonathan, unser kleiner Sherpa, trägt die Schlafsäcke

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So beginnen wir unsere Wanderung durch den Nationalpark, eine schroffe Felswüste aus Vulkangestein in allen möglichen Farben. Ohne Bilder wäre es wohl schwer möglich jemandem glaubhaft zu vermitteln, wie schön diese bizarre Landschaft ist. In der „Herr der Ringe“- Trilogie dient diese einzigartige Kulisse als Drehort für „Mordor“ und unser Weg führt bald am „Schicksalsberg“ vorbei, der eigentlich Mount Ngauruhoe heißt. Als bekennender Fan ist diese Wanderung für Jonathan natürlich besonders aufregend.

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Blick auf Mount Taranaki, der „einsame Berg“ aus der Trilogie „Der Hobbit“

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Immer weiter, den Schicksalsberg zu unserer Rechten, bestreiten wir den Aufstieg zum höchsten Punkt der Wanderung: Dem Red Crater. Der Wind ist auf den letzten Metern eiskalt und erbarmungslos, trotz neuseeländischem Sommer beträgt die Temperatur nur etwa vier Grad. Wir machen immer wieder Pausen, sobald wir einen windgeschützten Unterschlupf finden.

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Oben angekommen genießen wir unser hart verdientes Frühstücksmüsli mit herrlichem Blick auf Mount Ngauruhoe und den Red Crater selbst.

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Haferflocken, Sonnenblumenkerne, Nüsse, Trockenfrüchte und Banane mit Wasser: Unsere bewährte Wandermahlzeit in Neuseeland

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Nach der Stärkung beginnt der unangenehmste Teil der Wanderung: Der Abstieg über loses Vulkangeröll zu den Emerald Lakes. Uns ist unbegreiflich wie manche Leute komplett unkontrolliert nach unten purzeln und ohne jegliche Körperbeherrschung die Schwerkraft auf sich einwirken lassen. Dabei werden auch im zehn Sekunden Intervall kleine Gerölllawinen losgetreten. Aber nach wenigen Minuten ist auch dieser Abschnitt gemeistert und das fast unbeschadet – nur Irene setzt sich einmal unfreiwillig auf den Hintern, wodurch unsere Sturz- und Stolperstatistik, falls wir denn eine hätten, in etwa Irene: 1 zu Jonathan: 300 lauten müsste.

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Unten angekommen ist der beschwerliche Abstieg schnell vergessen. Die Emerald Lakes zeigen erst aus der Nähe ihre Farbenpracht und bieten einen tollen Anblick. Ringsherum steigen Rauchwolken aus brodelnden Erdlöchern und der typische vulkanische Schwefelgeruch liegt in der Luft. Uns wird klar, dass hier unter der Erde nach wie vor ungeahnte Kräfte schlummern, die immerhin gerade erst im Jahr 2012 zu einem Ausbruch führten.

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Von einer kleinen Anhöhe aus können wir hinter den leuchtend blauen Seen den Red Crater, den „Schicksalsberg“ und den dahinter liegenden schneebedeckten Mount Tauhara sehen, ein toller Anblick. Hier trennen wir uns von dem Wanderweg des „Great Walks“ und gehen weiter in Richtung Norden durch den Nationalpark.

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Lavafeld von einem der vergangenen Vulkanausbrüche

Bei unserem langen Abstieg genießen wir den tollen Ausblick von den Bergen auf die Seen Rotoaira und Taupo. Auf beiden Seiten des Weges sehen wir immer wieder mächtige Rauchwolken, die wie aus unterirdischen Schmelzöfen hervorquellen.

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Die letzten Kilometer gehen wir noch durch ein Waldstück, bevor wir schließlich am Parkplatz ankommen. Von hier aus nimmt Jonathan einen Bus zum Ausgangsparkplatz um Irene anschließend mit dem Auto abzuholen – juhu, wieder 20 Dollar für das zweite Busticket gespart. Wie sich herausstellt, wurde das Busticket aber in die falsche Richtung gebucht und es gibt überhaupt keinen Bus, der jetzt zur Mangatepopo Hütte fährt. Schließlich findet sich aber doch noch ein Fahrer, der zufällig zu diesem Parkplatz muss und Jonathan mitnimmt – wieder mal Glück gehabt.


Unser Fazit: Nicht immer gehen alle Pläne auf. Wenn man aber offen für Kompromisse und Alternativen ist, kann man immer noch gute Lösungen finden. Das „Tongariro Alpine Crossing“ ist wahrscheinlich der beste „Plan B“, den wir je hatten. Letzten Endes haben wir uns nicht nur nasse Füße erspart sondern auch zwei Tage gewonnen, an denen wir noch einige andere Sachen unternommen haben – aber dazu mehr in anderen Beiträgen.

Organisation und Tipps:

  • Strecke: 19,4 Kilometer, 800 Höhenmeter.
  • Benötigte Zeit mit genügend Zeit für Fotos und Pausen: 8 Stunden
  • Der Trail ist hervorragend ausgeschildert und man kann sich kaum verlaufen.
  • Die Busse zum Start und vom Ziel müssen im Vorhinein für bestimmte Zeiten in einem Visitor Center gebucht werden.
  • Das „Tongariro Alpine Crossing“ ist nicht nur eine der schönsten, sondern sicherlich auch eine der beliebtesten Wanderungen. An Tagen mit gutem Wetter geht man zu den Stoßzeiten den gesamten Trail im Gänsemarsch. Um das zu vermeiden sollte man wie wir am besten sehr früh losgehen, bevor die meisten Busse kommen. Wir hatten durch die Übernachtung auf der Hütte außerdem schon einen kleinen Vorsprung gegenüber den anderen Wanderern.
  • Fitnesslevel sind sehr unterschiedlich und zu behaupten, dass jeder die Wanderung schafft, wäre vielleicht übertrieben. Es war aber bestimmt nicht die anstrengendste Wanderung, die wir in Neuseeland gemacht haben. Dennoch findet man im Internet teilweise deutlich übertriebene Darstellungen, was die Intensität des Trails angeht. Für junge und durchschnittlich fitte Personen sollte diese Wanderung kein allzu großes Problem darstellen.

 

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