Wandern entlang der Dörfer um Luang Prabang

An unserem wahrscheinlich schönsten Tag in Laos unternehmen wir eine Wanderung durch den Regenwald und einige abgeschiedene Dörfer gemeinsam mit einem Einheimischen. Dabei beobachten wir Dorfbewohner, die eine ganze Ziege auf dem Feuer grillen, ernten verwunderte Blicke, als wir erklären noch nie eine Ratte gegessen zu haben, genießen die wunderschöne Landschaft rund um Luang Prabang und sind uns bis heute nicht ganz sicher, ob man am Ende des Tages versucht hat uns auszurauben.

Nachdem wir mit Abholungen vom Hostel bisher schlechte Erfahrungen gemacht haben, treffen wir uns mit unserem Guide direkt bei dem kleinen Reisebüro um die Ecke, bei welchem wir die Tour gebucht haben. Zurzeit herrscht in Laos Trockenzeit und nur wenige Leute besuchen daher den Wasserfall, an dem diese Wanderung enden soll. Somit haben wir den Guide ganz für uns alleine.

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Die beiden Männer besorgen noch schnell ein paar Snacks bei einem Straßenstand.

Nach einer etwa zehn minütigen Autofahrt lässt uns der Fahrer aussteigen und wir gehen los. Wir überqueren zunächst eine Bambusbrücke, die jedes Jahr neu gebaut werden muss, da sie von den Fluten in der Regenzeit zerstört wird.

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Wenige Meter hinter der Brücke befindet sich auch schon das erste Dorf unserer Wanderung. Zwischen den einfachen Hütten aus Bambus und Stroh laufen zahlreiche Kinder umher und spielen mit Stöcken, Seilen und allen erdenklichen Dingen, die sie finden können. Zwischen den Kindern laufen Hunde, Hühner, Enten, Ferkel und Ziegen umher, alle nebeneinander und durcheinander, trotzdem wirken die Bewohner recht zufrieden. Einige Kinder haben eine Ratte gefangen, um diese ein Seil gebunden und stupsen sie immer wieder mit einem Stock an, was wir natürlich furchtbar finden. Auch nicht so gut gefallen uns die vielen Plastiktaschen, die an mehreren Stellen liegen, Tierschutz und Umweltschutz sind hier einfach noch keine großen Themen.

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Das größte Problem dieser Häuser ist die Rußentwicklung beim Kochen. Innen sind die Wände über den Feuerstellen pechschwarz.

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Wir verlassen das erste Dorf mit diesen vielen Eindrücken und gehen vorbei an Wäldern und Feldern. Als wir eine Bananenplantage passieren, bemerkt Jonathan ein großes Netz, das in etwa vier Metern Höhe quer über das Feld gespannt ist. Er fragt nach dem Zweck des Netzes und unser Guide erklärt, dass damit Fledermäuse gefangen und  anschließend gegessen werden. Jetzt sind wir natürlich neugierig und Irene fragt, ob Fledermäuse vielleicht wie Hühnchen schmecken, woraufhin unser Guide kurz überlegt und antwortet: „Nein, also eigentlich genau wie Ratten“.  Da können wir uns das Lachen nicht verkneifen und erklären ihm, dass wir auch noch nie eine Ratte gegessen hätten. Auf diese Aussage reagiert wiederum er sehr verwirrt und überrascht. Kulturdifferenzen vom Feinsten.

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Entlang des Weges bemerken wir immer wieder große Erdlöcher, die beim Fangen von Ratten entstehen.

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Im zweiten Dorf sehen wir ausgebreitete Pflanzen, die nach dem Trocknen zusammen gebunden und als Kehrbesen verwendet werden. Die Frauen verwenden sie selbst oder versuchen sie im nächsten größeren Ort für etwas Kleingeld zu verkaufen.

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Mittagsschlaf muss sein.

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Auf einer im Wald versteckten Gummibaumplantage erklärt uns unser Guide wie hier Kautschuk gewonnen wird, eine weitere wichtige Einnahmequelle der ansässigen Dorfbevölkerung.

Die Landschaft wird zunehmend hügeliger und unter der stärker werdenden Hitze wird die Wanderung immer anstrengender. An einem kleinen „Bauernhof“ mit ein paar Hühnern machen wir kurz Pause und erfahren noch mehr über das Leben in Laos.

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Unser toller Guide bastelt uns kleine Fecher bzw. Schattenspender aus Bananenblättern.

Ein Tal weiter befindet sich auch schon das nächste Dorf, in dem sich wieder ähnliche Szenen zutragen. Auch hier sind überall die Besen-Pflanzen ausgebreitet, Kinder und Hunde tollen umher. Doch plötzlich sehen wir am Dorfplatz einige Männer, die sich in der Nähe eines Lagerfeuers versammeln. Auf den zweiten Blick erkennen wir, dass sie gerade eine ganze Ziege über dem Lagerfeuer zubereiten. Unser Guide erklärt uns, dass sich heute einige lokale Politiker in dem Dorf versammeln und zur Feier des Tages eine Ziege gegessen wird. Wir bleiben länger am Dorfplatz und beobachten fasziniert das rege Treiben. Auch wenn die Szene auf den ersten Blick brutal und fast schon barbarisch scheinen mag, empfinden wir sie als sehr harmonisch. Denn die Wertschätzung für das geschlachtete Tier ist bei jedem Laoten deutlich ersichtlich. Zunächst wird das Tier kurz über die Flamme gehalten, um das Fell abschaben zu können. Anschließend wird es, ohne auch nur den kleinsten Teil zu verschwenden, vor unseren Augen ausgeweidet. Als dabei der Darm aufplatzt und sich der Inhalt im gesamten Bauch ausbreitet, fragt Jonathan den Guide ob man das Fleisch jetzt noch essen könne. Dieser zeigt sich wiederum etwas verwundert über die Frage und erklärt uns, dass man aus dem Kot der Ziege ja ohnehin eine „Poo soup“ (=Kacke Suppe) machen kann, da die Ziege ja nur Pflanzen frisst. In dem Wissen, dass die Ziege ihr ganzes Leben lang frei um das Dorf herum gelaufen ist und jetzt mit solch einer Wertschätzung geschlachtet wird, können wir uns mit der Situation auch sehr gut anfreunden.

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Die hungrigen Dorfwelpen können es kaum erwarten einen Happen der Ziege zu ergattern.

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Versammlung der Dorfbewohner

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Nachdem wir auch dieses Dorf wieder verlassen, kommen wir nach einigen Minuten zu dem Fluss, der schließlich den Tad Sae Wasserfall speist. Das ausgetrocknete Flussbett lässt bereits vermuten, dass am Ende nicht sehr viel Wasser zum Fallen ankommen kann. So fällt der Anblick des Tad Sae wie erwartet nicht so schön aus wie auf den Bildern, dennoch lädt das kristallklare Wasserbecken zu einer kühlen Erfrischung ein. Danach entspannen wir noch auf einer Holzliege, bevor wir schließlich mit einem kleinen Longtailboot zu einem Parkplatz etwa zehn Minuten flussabwärts gebracht werden.

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Dort wartet wieder unser Fahrer auf uns und wir treten die Heimreise an. Plötzlich bleiben wir ohne Vorankündigung an einem abgeschiedenen Parkplatz stehen. Unser Guide erklärt uns, dass er uns hier noch ein Grab von Henri Mouhot, einem französischen Entdecker, zeigen möchte. Als wir aussteigen, folgt uns auch der Fahrer, der bisher kein einziges Wort mit uns gewechselt hat, und wir bekommen zum ersten Mal auf unserer Asien Reise ein unbehagliches Gefühl. Die beiden Laoten gehen teilweise einige Meter hinter uns und tuscheln, während wir voraus gehen ohne zu wissen, wo sich dieses Grab befinden soll, von dem vorher zu keinem Zeitpunkt die Rede war. Wir haben beide viel Vertrauen in das Gute in Menschen und unsere Alarmglocken läuten nicht bei jeder Kleinigkeit, aber wenn wir gleichzeitig und unabhängig voneinander Gefahr wittern, muss doch fast etwas faul sein. Wir warten auf die beiden Männer und haben kein gutes Gefühl ihnen allzu oft den Rücken zu zukehren. Nach einem kurzen Spaziergang kommen wir tatsächlich zu dem besagten Grab, das uns in diesem Moment aber kein bisschen interessiert. Die Stimmung zwischen uns beiden und den Guides ist auch plötzlich ganz angespannt, wir hören uns eine Minute an, was er über das Grab zu sagen hat und drängen anschließend darauf zum Auto zurück zu gehen. Auf der Rückfahrt rätseln wir, was es mit diesem ominösen Zwischenstopp auf sich hatte. Ob sich die beiden Männer beraten haben, wie sie uns ausrauben sollen, oder ob sie sich nur über das Wetter unterhalten haben, können wir bis heute nicht sagen. Im Zweifelsfall gilt doch immer die Unschuldsvermutung. Die Hauptsache ist, dass wir nach einer etwa zwanzig minütigen Fahrt wieder wohlbehalten in Luang Prabang ankommen.

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Auf der Rückfahrt nach Luang Prabang sehen wir am Ufer des Flusses diese kleinen Hütten, welche die Einheimischen für Wochenendaktivitäten nutzen bzw. mieten können. Gerne würden wir hier zum Abschluss des Tages auch picknicken, wir haben aber leider nichts Essbares mehr dabei und so fahren wir mit knurrenden Mägen nach Luang Prabang.

Fazit: Neben den schönen Landschaften und der netten Schwimmgelegenheit haben wir an diesem Tag vor allem einzigartige Einblicke hinter die Kulissen des Alltags vieler Laoten gewonnen. Diese führen ein Leben, das von unserem westlichen Alltag nicht nur geografisch tausende Kilometer weit entfernt ist. An Reisetagen wie diesen, an denen man ein Land auch abseits der Touristenzentren erlebt und die Welt nicht durch einen Selfie-Stick oder Instagram Filter betrachtet, wie es uns soziale Medien oft vermitteln wollen, erlebt man Momente, die einen nachhaltig bereichern. Es ist nicht immer alles schön oder perfekt, Manches ist vielleicht sogar abschreckend. Diese authentischen Erfahrungen sind es, die das Reisen für uns so unfassbar wertvoll machen und wir sind sehr dankbar, all diese Dinge gesehen und erlebt zu haben. Da ist das kurze Unbehagen am Grab von Henri Mouhot schon fast wieder vergessen.