Dhula village – ein authentischer Einblick in den Alltag der indischen Bevölkerung

Bevor wir eine Reise beginnen, spielen sich oft tausend Gedanken in unseren Köpfen ab. Werden wir alles sehen, was wir uns vorgenommen haben? Werden sich unsere Erwartungen erfüllen? Meistens ist es am besten, sich gar nicht allzu viele Vorstellungen eines Landes zu machen und wie ein leeres Buch, dessen Seiten gefüllt werden möchten, ins Flugzeug zu steigen. Bei dieser Reise hat es aber schlicht und einfach nicht geklappt, denn Indien ist einfach behaftet von Vorurteilen. Schmutzig, laut, chaotisch, unhygienisch und schwer zu bereisen soll es sein. Und wir müssen sagen: Alle diese Punkte stimmen. Aber Indien ist mehr, so viel mehr. Das Kulturgut dieses Landes könnte reicher nicht sein, die Landschaft nicht abwechslungsreicher und die Bevölkerung nicht freundlicher. Der letzte Punkt hat uns am meisten erstaunt, denn eines sticht besonders hervor: Bittere Armut liegt an der Tagesordnung. Und obwohl das Taj Mahal und die Highlights der Region Rajasthan von ihrer äußerlichen Erscheinung natürlich Eindruck auf uns machen, ist es der Besuch des Dorfes Dhula, der uns am meisten prägt, uns einen unvergesslichen Einblick in das tägliche Leben der Landbevölkerung Indiens gibt und am Ende der Reise die schönste Erfahrung ist, die wir nach Hause mitnehmen dürfen.

An diesem Morgen fährt unsere kleine Gruppe von Jaipur in Richtung Agra. Nach so vielen Eindrücken der letzten Wochen ist der vorletzte Stopp unserer Reise ein Areal mit Glamping Zelten (Glamping = glamorous Camping, also quasi ein Zelt mit richtigen Betten und einem Badezimmer). Hier sollen wir vor dem letzten großen Halt, dem Taj Mahal in Agra (hier ist unser Blogbeitrag dazu), etwas zur Ruhe kommen und die Eindrücke der letzten Tage auf uns wirken lassen können. Bei der Ankunft erklärt uns der Besitzer, dass ganz in der Nähe ein Dorf ist, das wir uns ansehen könnten und da ohnehin keine weiteren Aktivitäten geplant sind, machen wir das auch. Mit uns gemeinsam kommt Rebecca, eine Mitreisende aus Finnland, mit der wir uns sehr gut verstehen.

Wir machen uns also vorbei an einigen Feldern und einer staubigen Straße entlang auf den Weg. Hie und da laufen ein paar Ziegen oder eine Kuh an uns vorbei,  aber daran sind wir mittlerweile schon gewohnt. Nach ca 1h Fußweg erreichen wir das Dorf. Wir biegen in ein paar Gassen ein, die eher verlassen aussehen. Nur einzelne Menschen sitzen vor den Häusern und beobachten uns skeptisch. Doch schließlich kommen wir zum Hauptplatz und von da an ist es plötzlich nur noch aufregend, denn wir sind mit unseren Kameras und europäischem Aussehen natürlich die Attraktion des Tages. Niemand spricht hier Englisch, wir sind also ganz auf Kommunikation mit Händen und Füßen angewiesen. Leider können wir uns somit nicht unterhalten, aber das Lächeln auf den Gesichtern der Menschen ist ohnehin besser als so manches Wort.

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Während es in anderen Ländern oft nicht gerne gesehen wird, wenn man allzu viel fotographiert, lieben es die Inder. Sie werfen sich teilweise regelrecht vor die Kamera und wollen viele Bilder und alle erdenklichen Posen von sich auf einem Foto haben.  Ganz wichtig ist es ihnen, die gemachten Bilder dann auch zu sehen und die Reaktionen sind oftmals einfach nur unglaublich berührend. Denn was man vergisst: Manche von ihnen wissen gar nicht, wie sie aussehen. Und so betrachten sich alle ganz genau und sind verwundert, erstaunt oder lachen einfach nur über ihr Aussehen, ein unglaublich berührender Moment. Einige – auch ältere – Menschen verfolgen uns sogar regelrecht durch das ganze Dorf um uns zu begeistert zu beobachten.

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Dieses Dorf ist bitterarm. Die Menschen hier leben lediglich von dem, was sie auf den Feldern anbauen und das ganze Leben spielt sich mal wieder auf der Straße ab. Kühe, Ziegen, Schweine, Kamele, Hühner, Hunde und Bewohner: einfach alles und jeder ist draußen. Und wir drei Europäer mittendrin. Natürlich ist es auch schmutzig, sehr schmutzig sogar. Wir sehen wie so oft in Indien Hundewelpen, die kläglich versuchen aus dem Abfall zwischen den Regenrinnen etwas Essbares zu finden, eine Sau säugt ihre Ferkel auf einem Berg von Müll liegend, die Kühe sind abgemagert, Kinder spielen mit rostigem Blech und vor uns balanciert eine über 70 jährige Frau 7 Ziegelsteine auf ihrem Kopf um beim Bau einer Mauer zu helfen. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie man sich in so einem Moment fühlt. Demütig ist im Moment das einzige Wort, das uns einfällt.

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Am Rückweg haben wir wir das Glück, dass ausgerechnet in diesem Moment eine Schule neben der Straße aus ist und deshalb viele Schulkinder am Weg nach Hause sind. Ganz begeistert von uns und unseren Kameras wollen sie ebenfalls viele Fotos in den unterschiedlichsten Konstellationen mit Freunden haben, einige begleiten uns sogar noch bis zu unserer Unterkunft. Wir haben fast ein schlechtes Gewissen die behütete Glamping Anlage zu betreten und sind einfach total erschöpft von den Eindrücken der letzten Stunden.

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So viel Armut zu sehen und gleichzeitig mit solch einer bedingungslosen Herzlichkeit empfangen zu werden, ist auf dieser Reise unser mit Abstand schönster Moment. Wenn wir unsere Fotos ansehen, sind wir nicht schockiert, sondern müssen von einem Ohr zum anderen lächeln, weil diese Menschen so einen starken Eindruck auf uns gemacht haben. Wir können nur jedem, der einmal nach Indien reist, raten: Das Taj Mahal, Agra Fort, und Jodhpur sind wirklich wahnsinnig schöne Plätze. Wer aber das echte und unverfälschte Indien sehen will, sollte sich unbedingt in eines der zahllosen Dörfer am Land begeben. Dieser Nachmittag wird wohl für immer eines unserer schönsten Reiseerlebnisse bleiben.


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