Reisetagebuch Israel Tag 9 & 10 – es geht endlich nach Palästina: Bethlehem, Mar Saba und unsere ersten Eindrücke der Grenzmauern

Do, 10.05.2018 – mit dem Bus von Jerusalem nach Bethlehem

Wir checken in der Früh aus unserem netten Hostel in Jerusalem aus und gehen zum palästinensischen Busbahnhof nahe des Damaskustors. Von hier aus nehmen wir um 1.60€ einen Bus, welcher direkt nach Bethlehem in Palästina fährt. Nach 10 Minuten Fahrt wird der Bus angehalten, einige schwerbewaffnete Soldatinnen steigen ein und kontrollieren die Papiere von palästinensischen Passagieren. Unsere Pässe bleiben im Rucksack verstaut und interessieren niemanden. Wie wir später an diesem Tag erfahren, bekommen die meisten Palästinenser lediglich Visen für 19 Stunden um Israel zu besuchen. Falls sie diese Zeit überschreiten, werden zukünftige Visumsanträge abgelehnt. Nach etwa 40 Minuten Fahrt, vorbei an Tälern, hohen Grenzmauern und einem Checkpoint, kommen wir in Bethlehem an und gehen noch eine gute viertel Stunde zu unserem Hostel. Wir checken ein und ruhen uns kurz aus bevor wir uns wieder auf den Weg in die Stadt machen.

Zunächst gehen wir durch das Stadtzentrum zum Busbahnhof um unseren morgigen Ausflug nach Mar Saba zu planen. Aufgrund verschiedener Angaben wie wir am besten dorthin kommen, wird aus diesem kurzen Zwischenstopp allerdings eine regelrechte Schnitzeljagd, letzten Endes finden wir mit der Hilfe ein paar netter Einheimischer aber unseren morgigen Transport. Anschließend gehen wir weiter durch die schöne Altstadt mit zahlreichen Kirchen, Klöstern und Moscheen, bis wir schließlich zur Geburtskirche kommen. Eine lange Schlange hat sich vor dem niedrigen Eingangsportal gebildet, das man nur gebückt betreten kann. Im Inneren erblicken wir einen schönen, hohen Raum mit altem Holzgewölbe, verzierten Säulen, zahlreichen goldenen Lampen, die von der Decke hängen, sowie einer ausgedehnten Baustelle zwecks Restaurierungsarbeiten und eine lange Menschenschlange zum exakten Ort der Geburt Jesu.

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Altstadt von Bethlehem

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Sobald man an den Checkpoints vorbei ist, sieht man zahlreiche palästinensische Flaggen.

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Eingang zur Geburtskirche von Jesus.

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Der nächste Touristenmagnet, den wir in Bethlehem besuchen, ist die Milchgrotte: Eine Stiege, die in eine kleine, schlichte Höhle führt, in der sich die heilige Familie vor Schlächtern des Herodes versteckt haben soll. Auch hier werden wir wieder von zwei großen Pilgergruppen begleitet.

Dann gehen wir wieder durch die schöne Altstadt, trinken auf dem Weg zurück ins Hostel einen frisch gepressten Orangensaft und essen zwei köstliche Falafelwraps in einem kleinen Lokal. Am restlichen Nachmittag spielen wir Karten, planen unsere nächsten Tage und sprechen mit Ali – einem Mitarbeiter des Hostels – über das schwierige Leben als Palästinenser. Er warnt uns ebenfalls vor den morgen geplanten und jede Woche üblichen Freitagsprotesten in ganz Palästina. Diese sollen diesmal aufgrund der bevorstehenden Verlegung der amerikanischen Botschaft nach Jerusalem etwas größer ausfallen. Außerdem erfahren wir von der Eskalation der Sicherheitslage in den Golanhöhen, anscheinend sollen letzte Nacht iranische Raketen aus Syrien abgeschossen worden sein. Eigentlich wollten wir in zwei Wochen ebenfalls in den Golanhöhen sein, allerdings wird uns nun das erste Mal etwas mulmig zumute. Aber wir beschließen abzuwarten und zu sehen wie sich die Lage entwickelt. Den restlichen Abend verbringen wir plaudernd am Balkon und hören Geschichten über israelische Gefängnisse, Demonstrationen und die Schwierigkeiten im Leben von Mohammed und Ali, unserer Hostelbetreiber.

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Dieses Bild sieht nicht annähernd so lecker aus wie der Falafelwrap geschmeckt hat.

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Fr, 11.05.2018: Bethlehem – Mar Saba und die Grenzmauern von Bethlehem

Wir starten unseren Tag mit einem traditionellen Frühstück in unserem Hostel- es gibt die Klassiker Pitabrot, Hummus, Olivenöl, Zahatar, Baba Ganoush, Gemüse, Eier und Kaffee mit Kardamon. Dann machen wir uns auf den Weg zum Busbahnhof und fahren mit einem Sherut, einem palästinensischen Sammeltaxi, in die Stadt Ubeidiya. Von hier aus trennen uns noch gute 5 Kilometer Fußmarsch durch die Wüste von unserem Ziel – dem Kloster Mar Saba. Obwohl es noch sehr früh ist, scheint die Sonne bereits relativ kräftig vom wolkenlosen, blauen Himmel und das Sammeltaxi, das an uns vorbei fährt, kommt uns sehr gelegen. Wir feilschen ein bisschen um den Preis und lassen uns anschließend bis zum Kloster mitnehmen. Das erste Mal auf dieser Reise fahren wir durch die Wüste und die Ausblicke über die sanften Hügel ist einfach nur spektakulär. Der Fahrer ist wieder einmal sehr nett und lässt uns an zwei Punkten aussteigen um Fotos zu machen.

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So viel Essen ganz für uns alleine – kulinarisch ist diese Reise eine der besten überhaupt. Traditionell tunkt man sein Pitabrot in Olivenöl und anschließend in Zahatar, eine körnige Mischung aus wildem Thymian, Ysop – einer Mayoranart, Sesam und Salz.
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Blick über Ubeidiya

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Das Kloster ist an einer tiefen Schlucht, durch die ein Fluss zieht, wirklich atemberaubend gelegen. Auf der anderen Seite sehen wir viele Höhlen, in welchen früher Mönche gelebt haben sollen. Der Zutritt zum Kloster selbst ist für Frauen nicht gestattet, das wussten wir bereits im Vorhinein. Allerdings hat es heute ohnehin geschlossen und wir treffen daher kaum Leute an. Nachdem wir uns etwas umgesehen haben, beginnen wir schließlich den Abstieg ins Tal und wandern auf der anderen Seite wieder bergauf. Hier angekommen können wir uns an dem unglaublichen Anblick kaum sattsehen. Das Kloster liegt mit seinen Kuppeln und den massiven Befestigungsanlagen wie in die Klippe gemeißelt in dieser einzigartigen Schlucht. Wir gehen über einen kleinen Hügel und sehen auf der anderen Seite den weiteren Verlauf des Flusses, der sich langsam durch die scheinbar endlose Wüste schlängelt. Irene ist so glücklich, dass sie einen lauten Jubelschrei von sich gibt. Plötzlich hören wir einen Mann aus einer Höhle auf der anderen Seite der Schlucht freundlich rufen: „Hello, hello!“ Irene ruft zurück „It´s so absolutely beautiful here!“ Der Mann ruft zurück „Welcome, you are welcome!“

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Was als nächstes passiert ist, könnt ihr bald in einem anderen Blogpost nachlesen, denn diese Geschichte ist einfach zu wunderschön, um sie lediglich in einem Reisetagebuch untergehen zu lassen.

Es graut uns schon etwas vor dem Gedanken um 12 Uhr die fünf Kilometer durch die Wüstensonne ohne Schatten zurück bis nach Ubeidiya zu wandern und dort einen Transport nach Bethlehem zu organisieren. Doch als wir zum Kloster kommen, rufen uns schon ein paar freundliche Palästinenser von der Ferne „Welcome! Welcome to Palestine!“ zu und winken uns. Sie fragen uns wo wir denn hin müssen und bieten an uns direkt nach Bethlehem zu fahren. Während wir noch über den Preis reden, öffnet einer der Männer schon seinen Kofferraum und bringt uns in kleinen Bechern Kaffee mit Kardamon. Kaum ist dieser ausgetrunken bekommen wir trotz höflicher Versuche das Angebot abzulehnen noch eine Tasse Chaitee. In der Zwischenzeit haben wir uns auch schon auf den Preis geeinigt und fahren gleich los. Unser Fahrer arbeitet als Wächter im Kloster und erklärt uns auf der Fahrt durch Ubeidiya in welchen Häusern seine Familie lebt, plaudert von seinem Leben und zeigt uns einen tollen Aussichtspunkt, von dem aus wir sogar die golden schimmernde Kuppel des Felsendoms in Jerusalem sehen können.

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Wenn man genau hinsieht, erkennt man ziemlich in der Mitte des Bildes die goldene Kuppel des Felsendoms in Jerusalem.

Im Hostel angekommen können wir das Erlebte nicht fassen. Die unglaubliche Schönheit der Wüste und die warmherzige Gastfreundschaft der Palästinenser machen diesen Vormittag zu einem der tollsten Reiseerlebnisse aller Zeiten! Wir können unser großes Glück kaum glauben und sind einfach nur endlos dankbar.

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Irene mit dem Hostelhund
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Unsere Gastgeber Mohammed und Ali geben uns einen tollen Einblick ins Leben als Palästinenser.

Aufgrund der heftigen Proteste, die heute im Gazastreifen und in den meisten größeren Städten Palästinas stattfinden, warten wir zu Mittag noch etwas ab wie sich die Lage in Bethlehem entwickelt. Als wir von Ali eine Entwarnung bekommen, dass es in Bethlehem heute zu keinen größeren Protesten kommen werde, machen wir uns auf den Weg zu den Grenzmauern, die ebenso ein wichtiger Teil dieser Stadt sind. Aufgrund der vielen Graffitis und der überdurchschnittlichen Höhe der Mauer in Bethlehem sind die Grenzanlagen schon fast zu einem eigenen Touristenhotspot geworden. Als wir der bis zu 8 Meter hohen Mauer mit den Grenztürmen entlang gehen, müssen wir zwangsläufig an die East Side Gallery der Berliner Mauer denken, mit dem bedeutenden Unterschied, dass man in Berlin nur Relikte der Mauer zu sehen bekommt, aber diese hier noch immer in Verwendung ist. Wie weit wir der Mauer auch entlang gehen, wir würden nicht auf die andere Seite kommen ohne an einem Checkpoint mit schwer bewaffneten Soldaten vorbei zu müssen. Für uns Europäer, für die endlose Reisefreiheit eine Selbstverständlichkeit geworden ist, ein bedrückender und beängstigender Gedanke. Wir fühlen uns eingeschlossen und in Wahrheit sind wir das im Moment auch.

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Die meisten Wachtürme entlang der Mauer sind nicht besetzt, allerdings möchte man sich nicht vorstellen wie es hier bei Demonstrationen zugeht.

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Leila Khaled ist eine der wichtigsten palästinensischen Widerstandskämpferinnen, bekannt wurde sie durch mehrere organisierte Flugzeugentführungen.
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Wir sind uns nicht ganz sicher, ob der Künstler dieses Graffitis weiß, dass er Morgan Freeman gezeichnet hat.

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Von einem erhöhten Punkt sieht man den weiteren Verlauf der Mauer.

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Für den Nachmittag haben wir noch etwas ganz Besonderes geplant und als wir wieder im Hostel ankommen, führen wir ein Interview mit Ali, der hervorragend Deutsch spricht. Wie oft hat man schon die Gelegenheit einen gebildeten, deutschsprachigen Palästinenser Fragen über das Leben in Palästina zu stellen. Das Interview werdet ihr in Kürze auf unserem Blog finden.

Am Abend kochen wir gemeinsam das typisch arabische Gericht Maqluba, das übersetzt soviel wie „upside-down“ bedeutet. Es werden Huhn mit Reis, Kartoffeln, Nudeln und Gemüse in einem Topf gekocht, welcher vor dem Essen feierlich im Beisein aller über einem großen Teller umgestülpt wird. Dazu gibt es eine Joghurtsauce und natürlich Pitabrot.

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English version:

Thu, 10.05.2018 – bus ride from Jerusalem to Bethlehem

We leave our nice Hostel in the morning and make our way to the Palestinian bus terminal near Damaskusgate, where we get a direct bus to Bethlehem. After 10 minutes the bus is stopped and armed soldiers enter the bus to check the papers of Palestinian people, but nobody is interested in our passports. As we learn later that day, people from the Westbank have to apply for a visa, allowing them to visit Israel for 19 hours, if they return late they won’t get another visa in the future. After 40 more minutes of driving, passing walls and several checkpoints we arrive in Bethlehem. We walk to our hostel, make our way to the city center and ask around how we can get to Mar Saba tomorrow. After that, we visit the beautiful old town including the famous Church of the Nativity and the Chapel of the Milk Grotto. Then we get some fresh orange juice, falafel wraps and return to our hostel. There we talk with our hosts about the difficulties in everyday life in the Westbank and we hear about big protests announced for tomorrow because of the relocation of the US embassy to Jerusalem. Also we read in the news, that Iran attacked the Golan Heights with missiles from Syria yesterday night, where we wanted to be in two weeks. Apparently our trip is going to be more adventurous than we thought…

Fr, 11.05.2018 – Mar Saba and the  walls of Bethlehem

After a traditional breakfast in our hostel, we walk to the bus terminal where we get a Sherut – a shared taxi – to the town of Ubeidiya, from where it’s another 5 kilometers of walking to get to Mar Saba monastery. We are lucky and another Sherut passes our way, so we take the transport instead of walking through the heat. The monastery lies in a deep valley and the scenery is just absolutely stunning. We hike to the other side of the valley and enjoy the great views, as a man approaches on his donkey, “Welcome, welcome” he yells towards us.

What happens next is one of our best traveling moments ever and we want to write a separate blogpost about how we ended up drinking chai tea in a shepherd´s cave.

As we return to the parking lot at 12 o‘ clock, some friendly Palestinians welcome us and offer to take us to Bethlehem. While we are still haggling for the price, one of them brings us coffee with cardamom and chai tea from the trunk of his car. After chatting and finishing our drinks we drive back to Bethlehem.

Because of the announced protests, we wait a little bit in our hostel before we go out to the city again. This time we make our way to the border walls with its famous graffittis. To stand in front of the walls that are up to 8 meters high and knowing you can’t get to the other site without passing heavily armed soldiers is a very oppressive feeling.

In the afternoon we interview our host Ali about life in the Westbank – there will be a separate blogpost about that soon! Later that evening we cook and eat traditional Maqluba for dinner and talk more about the struggles our hosts had living in a war-torn country.