Ist Island wirklich ein Paradies für Outdoorbegeisterte? – unsere Probleme mit dem überlaufenen Land im hohen Norden

Zwei Wochen sind wir bereits in Island, drei weitere folgen noch. Ziemlich erschöpft sitzen wir gerade am Campingplatz in Seydisfjördur im Osten des Landes und haben das Bedürfnis unseren gesammelten Unmut ein bisschen von der Seele zu schreiben. Ist Island tatsächlich das Paradies, für das wir es immer gehalten haben?


Um erst einmal zu beruhigen: Keine Sorge, Islands Natur ist absolut einmalig! Tausende Wasserfälle, die entlang grüner Berghänge hinab fließen, faszinierende Gletscher und angrenzende Seen mit Eisbergen, ruhige Fjorde, tosende Geothermalfelder und endlose Weiten. Gerade im Süden des Landes fährt man praktisch nur entlang riesiger, abgekühlter schwarzer Lavafelder und trifft definitiv mehr Islandpferde und Schafe als Einheimische.

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Hier haben wir auch schon das Stichwort: Die Einheimischen. Bisher durften wir die Bewohner Islands nicht gerade als die allerfreundlichste Bevölkerung wahrnehmen – Ausnahmen wie immer ausgeschlossen. Und der Grund ist ein ganz einfacher: Isländer haben Touristen – vor allem Camper – ganz einfach satt und das spürt man. Während uns in anderen Ländern Einheimische meist freundlich und mit gewissem Interesse begegnen, werden wir hier meistens bloß grimmig angesehen, als wären wir gerade im Begriff etwas Schlimmes anzustellen. Wir erwarten uns natürlich nicht, dass für uns überall der rote Teppich ausgerollt wird, aber unterm Strich fühlen wir uns hier einfach nicht willkommen.

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Ein weiterer Punkt sind die unerwarteten Probleme mit den Übernachtungen. Wir sind mit einem kleinen Auto und unserem Zelt unterwegs und hatten vor, die meiste Zeit über wild zu campen, da dies in Island aufgrund des „Jedermannsrechts“ ja erlaubt sein sollte – falsch gedacht! Langsam aber sicher wird den Campern hier der Hahn zugedreht. Dass es innerhalb von Nationalparks und Städten verboten ist, ist natürlich klar. Zusätzlich ist allerdings bei fast jedem öffentlichen Parkplatz ein Schild mit „Campen verboten“ angebracht, teilweise sind ganze Straßenzüge mit diesem Schild versehen und das macht die Sache schon etwas schwieriger. Campen auf privaten Grundstücken ist zwar für eine Nacht per Gesetz nicht verboten, wir möchten uns mit den Isländern aber nicht gerne anlegen. Und wenn Nationalparks, Städte, öffentliche Parkplätze und Bereiche und private Grundstücke ein Problem sind, muss man anfangen erfinderisch zu werden. In unserem Fall heißt das kleine Schotterstraßen genau abzusuchen, wobei wir hier nicht zu abenteuerlich werden dürfen, denn wir haben schließlich keinen Allradwagen, der wiederum unser Budget sprengen würde. Aber wozu eigentlich das ganze Theater mit dem Wildcampen? Ganz einfach: Island ist wirklich, wirklich teuer!

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Dies ist das nächste große Problem: Das liebe Geld. Dass Island teuer ist, wussten wir bereits. Dass Island so abartig teuer ist, haben wir tatsächlich etwas unterschätzt. Hier ein paar Beispiele:  11€ für einen kleinen Teller Suppe, 9€ für Scheibenkäse, 5€ für einen mikrigen Hotdog (im IKEA Format), 20€ für ein kleines Mittagessen in einer Imbissstube – da vergeht einem ehrlich gesagt der Appetit. Für ein Bett im Schlafsaal in Reykjavik zahlen wir fast 50€ pro Person, Frühstück würde extra kosten- weitere 13€. Es gibt zwar Campingplätze für 30€, allerdings sind diese ohne Internet, meistens ohne Küche und auch die Dusche ist nicht inkludiert. Eine einstündige Fahrt im regionalen Linienbus kostet 30€ pro Person, eine Fahrt ins Hochland mit Allradbussen ist weit teurer. An jeder Ecke wird man zur Kasse gebeten, was allerdings nicht bedeutet, dass man für jene Spitzenpreise auch Spitzenleistung erwarten darf. Die Warmwasserdusche, die man pro Minute bezahlt, braucht oft eine Minute (=1€) um warm zu werden und das Pinkeln an einer mittelmäßig sauberen, öffentlichen Toilette kostet schon mal 2,50€. Da ist die Versuchung die Notdurft hinter der nächsten Hecke zu verrichten quasi vorprogrammiert.  An einem Parkplatz werden wir bei der Einfahrt gefilmt, das Kennzeichen gescannt und schon müssen wir beim Automaten die Parkgebühr von stolzen 6€ zahlen – angeschrieben stand dieser Preis übrigens nirgendwo. Wir fühlen uns mittlerweile ganz schön abgezockt. Die meisten dieser Kosten lassen sich kaum vermeiden und wir werden es wohl trotz all unserer Bemühungen (zum ersten Mal!) nicht schaffen innerhalb unseres geplanten Budgets zu bleiben. Da kommt natürlich etwas Frust auf.

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Zusätzlich kommt hinzu, dass unser mitgebrachter Gasherd nicht zu den hier angebotenen Gasflaschen passt. Ein neuer Kocher würde gleich mal 50€ kosten und jede weitere Gaskartusche 12€, da bleiben wir lieber bei Rohkost und Konservendosen. Leider bedeutet das Problem mit dem Herd auch, dass etwas günstigere Lebensmittel wie Kartoffeln, Reis und Nudeln aus dem Supermarkt weg fallen, wir essen seit 2 Wochen fast ausschließlich kalt und das bei Temperaturen bis zu 0 Grad und ständigem Aufenthalt im Freien – Luxusurlaub sieht anders aus.

Doch unser Unmut liegt nicht nur am Geld oder dem fehlenden Komfort. Wir sind es gewohnt, mit Wenig zurecht zu kommen. Obwohl wir wunderschöne Orte sehen und tolle Dinge unternehmen, will der Funke nicht so recht überspringen.

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Wir verstehen absolut, dass dem kleinen Island der explodierende Tourismus einfach über den Kopf gewachsen ist. Unserer Meinung nach sollte das Wildcampen komplett abgeschafft werden, da die Einheimischen es ohnehin nicht gerne sehen. Dafür sollte eine allgemeine bisher nicht existente Nationalparkgebühr eingefordert und im Gegenzug dazu großzügigere, erschwingliche Campingplätze angeboten werden, in denen die Serviceleistungen einem gewissen Standard entsprechen. Wir wären ohne mit der Wimper zu zucken sofort bereit für den Erhalt der Natur zu bezahlen. Doch schlechte Qualität und hohe Preise drängen die Urlauber immer mehr dazu, sich um die überteuerten Campingplätze herumzuwinden und nach Alternativen im gesetzlichen Graubereich zu suchen. Uns ärgert, dass überteuerte Campingplätze ohne jegliche Ausrüstung bereit gestellt werden und sich Isländer anschließend aufregen, warum so viele Menschen wild campen möchten. Es scheint fast so als könnte Island aufgrund der Wirtschaftslage nicht auf den Tourismus verzichten, traut sich jedoch nicht weitere Barrieren zu stellen. Doch mit der derzeitigen Entwicklung sind sie auch nicht zufrieden…

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Island ist wie bereits erwähnt wunderschön, dennoch haben wir uns mehr erwartet. Wir sind wohl mittlerweile an einem Punkt angekommen, an dem uns eine Reise mehr bieten muss als eine schöne Oberfläche – uns interessieren immer mehr Begegnungen mit Einheimischen und tiefgründigere, kulturelle Erfahrungen. Es ist eben nicht alles Gold, was glänzt. Heute saßen wir eine halbe Stunde am Hafen von Seydisfjördur und wurden uns einig: „Island ist atemberaubend schön, doch leider nicht sehr interessant.“ Um diesen Beitrag dennoch positiv abzuschließen, zeigen wir ein paar Bilder der letzten Wochen. Baden in geothermalen Quellen, Wanderungen zwischen unberührter Natur und Ausblicke über atemberaubende Landschaften – über die sonstigen Erlebnisse der letzten beiden Wochen dürfen und möchten wir uns wirklich nicht beklagen.

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