Die unverfälschte Zusammenfassung einiger verrückter Wochen – das Coronatagebuch, Teil 1

Hier sitze ich nun im Lesesessel unseres Schlafzimmers, höre dem Prasseln des Regens gegen das Fenster zu und versuche meine Gedanken zu sortieren. Es fällt mir schwer geeignete Worte zu finden um die vergangenen Monate zu beschreiben, denn irgendwie fühlt sich noch immer alles wie ein böser Traum an, aus dem ich gerade erst erwacht bin. Aber fangen wir ganz von vorne an.

Aus verschiedenen Gründen haben wir unseren beruflichen Werdegang auf diesem Blog bisher nie angesprochen, doch jetzt lässt es sich leider nicht mehr vermeiden. Jonathan ist Turnusarzt. Und genau das ist auch der Grund, warum die Coronakrise für uns ein kleines Wechselbad der Gefühle war. Denn Jonathan arbeitet in DEM Krankenhaus mit infektiologischem Schwerpunkt in Wien, welches somit erste Anlaufstelle für Coronaverdachtsfälle und deren Aufnahme ist. Zusammengefasst hieß das für ihn: Coronadienst. Als klar wurde, dass er für mehrere Wochen, vielleicht sogar Monate auf der Coronastation einspringen muss, war uns das Ausmaß der Situation noch nicht ganz bewusst. Doch mit jedem Tag wurde immer klarer: Um mich und damit auch meine bereits etwas ältere Mutter nicht in Gefahr zu bringen, sollte er ausziehen. Zum Glück hatte er über seine Familie Zugang zu einer leer stehenden Wohnung, in welcher er sich isolieren konnte.

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Ich will hier nicht im Selbstmitleid baden, aber wenn du beinahe zehn Jahre mit einem Menschen eine Beziehung führst, seit sieben Jahren insgesamt vielleicht zehn Nächte getrennt voneinander verbracht hast und zusätzlich die beiden letzten Jahre zusammen auf Weltreise warst, dann ist die Vorstellung, dass dieser Mensch ausgerechnet in so einer schwierigen Zeit nicht bei dir sein kann, ein heftiger Schlag ins Gesicht. Aber es musste sein. Als mich dann einige Wochen später ein Anruf erreichte und ich erfuhr, dass meine Tante vom Einkaufen nicht nach Hause gekommen ist, wurde alles nur noch zu einem einzigen Alptraum. Herzinfarkt, Reanimationsversuche, Rettungshubschrauber, Intensivstation. Besuchen durfte sie niemand. Drei Tage später kam dann die Gewissheit: Hirnblutung, die Geräte wurden abgestellt. Eine Woche später fand das Begräbnis statt, fünf Menschen waren erlaubt, zwischem jedem mussten zwei Meter Mindestabstand eingehalten werden.

Die letzten Monate waren für uns alle hart, das will ich gar nicht bestreiten. Aber einen Todesfall im engsten Familienkreis während dieser Krise zu haben während man von seinem Partner räumlich getrennt ist, der tagtäglich Coronapatienten behandelt, hat ein bisschen an meiner Substanz genagt. Zusätzlich gab es noch einige andere private Angelegenheiten, für die dieser Blog allerdings nicht der geeignete Ort ist. Eigentlich kann ich mich glücklich schätzen, denn ich bin finanziell abgesichert, habe ein wunderschönes Dach über dem Kopf, genug Essen im Kühlschrank und keine existenziellen Ängste. Trotzdem lautete die Devise der nächsten Wochen Ablenkung, Ablenkung, Ablenkung. Ich habe kleinere Jobs angenommen, habe zum Beispiel Schutzmasken in einem Lager sortiert oder im Supermarkt gearbeitet. Zusätzlich gab es für mich nur eine Option, wie ich in dieser bescheidenen Lage meine mentale Gesundheit bewahren kann: Ich musste so viel wie möglich gehen. Einige Wochen lang spazierte ich daher beinahe täglich 20 Kilometer entlang der Donau. Und das nicht nur am Tag. Wenn ich um drei Uhr nachts nicht schlafen konnte, zog ich mich an und ging noch einmal los, weitere zehn Kilometer. In einer anderen Woche stieg ich auf das Fahrrad um und fuhr 200 km. Rhythmus hatte ich keinen, aber wenigstens müde Beine – und einen noch müderen Hund.

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Irgendwann kamen dann die Lockerungen. Solange man die öffentlichen Verkehrsmittel nicht benutzen durfte, konnte ich netterweise das Auto von Jonathans Vater verwenden. Es gab auch jene verrückten Tage, an denen mich Jonathan in Schutzmaske mit dem Auto von Zuhause abgeholt hat, ich mich ebenfalls mit Schutzmaske auf die Rückbank gesetzt habe, wir mit Sicherheitsabstand wandern waren und er mich anschließend wieder nach Hause gebracht hat. Einige Zeit später durfte man dann endlich wieder die Züge benutzen – es war so ein befreiendes Gefühl!

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Wie ihr sehen könnt, hat mich das Wandern und vor allem die Hausbergchallenge durch ein paar sehr schwere Wochen begleitet. Ich bin kein besonders spiritueller Mensch, aber manchmal finde ich es fast erschreckend wie sehr mir das Universum Lösungen am Silbertablett serviert, um die ich vor Kurzem noch gebeten habe. Ihr könnt euch doch bestimmt noch an diesen Beitrag hier erinnern: „Alleinreisen als Frau – jetzt oder nie!„. Im Dezember war es doch noch mein sehnlichster Wunsch mehr alleine zu unternehmen. Ein bisschen anders hatte ich mir das Ganze damals zwar schon vorgestellt, aber im Grunde genommen war das nun meine Chance …

Wie es anschließend weiter ging und wie jetzt unsere Reisepläne aussehen? Das erzählen wir euch im nächsten Beitrag!